Eine berufliche Zukunft ohne Elternteil

Sebastian 4Eltern können ein wichtiger Ansprechpartner auf dem Weg in die berufliche Zukunft sein. Sie sind aber auch ein Sicherheitsnetz. Denn: Viele junge Menschen sind während ihrer Ausbildung auf die Unterstützung der Eltern angewiesen. Stirbt ein Elternteil oder verliert man beide, Mutter und Vater, scheint es oft, als wäre der Weg in die Zukunft verschüttet. Das Sebastian Bildungsstipendium hilft in dieser Situation.

Nichts ist mehr so, wie es war. Alles ist anders. Wenn ein Elternteil stirbt oder beide Eltern sterben, fühlt sich das Leben an wie erstarrt. Der Blick auf den weiteren Weg ist verstellt. Die Vorstellung, dass es weitergehen kann und muss, ist schmerzhaft und gleichzeitig undenkbar. Nicht nur lähmt die Trauer um den oder die verlorenen Menschen, sondern auch der Gedanke, dass auf dem weiteren Lebensweg wichtige Begleiter, Ratgeber und Unterstützer fehlen. Ihr Zuspruch wird genauso vermisst wie die Sicherheit, die sie geben konnten.

Der Tod eines Elternteils ist aber auch ein Schicksalsschlag, der alle Gewissheiten auf den Kopf stellen kann: die eigenen Gefühle, das Umfeld und natürlich die Frage, wie das eigene Leben weitergehen soll. Viele junge Trauernde berichten, dass der Verlust den Anstoß gegeben hat, bisherige Pläne zu überdenken oder neue Ideen zu entwickeln. Für andere wird hingegen klar, dass der eingeschlagene Kurs zum beruflichen Ziel genau so richtig ist wie er ist.

Das Sebastian Bildungsstipendium

Die bisherige Lebenssituation ändert sich außerdem oft auf finanzieller Ebene. Eine oder beide Einkommensquellen fallen weg. Der hinterbliebene Elternteil kann den Lebensunterhalt der Familie allein nicht wie bisher bestreiten. Die Rentenansprüche reichen nicht, um das abzudecken, was gemeinsam getragen werden konnte. Besonders wenn kein Elternteil mehr da ist und es keine helfenden Angehörigen gibt, müssen junge Erwachsene plötzlich die finanzielle Situation auf eigene Beine stellen.

Sebastian 2In dieser Situation kann das Sebastian Bildungsstipendium helfen. Es will junge Trauernde im Alter von 17 bis 27 Jahren aus ganz Deutschland nach Tod eines Elternteils dabei unterstützen, die eigenen beruflichen Ziele zu verfolgen. Mit unserem Konzept wollen wir junge Trauernde ermutigen, den verfolgten Kurs beizubehalten oder neue Wege einzuschlagen. Wir helfen, wo die finanzielle Not die Umsetzung oder Fortführung der Ausbildung gefährdet.

Denn: Während der Ausbildung – egal ob Studium oder Praktikum, schulische oder duale Berufsausbildung – ist das eigene Einkommen eines jungen Erwachsenen durch die Ausbildungsvergütung meist sehr gering. Bafög-Förderung, Kindergeld und Waisenrente reichen oft gerade mal für die fixen Lebenshaltungskosten. Und selbst diese Einnahmequellen stehen nicht allen zur Verfügung.

Die finanzielle Situation junger Erwachsener

Aus den Bewerbungen für das Bildungsstipendium wissen wir, dass die Waisenrente oft zu gering ist, um einen festen Teil der Kosten abzudecken. Etwa dann, wenn der verstorbene Elternteil selbstständig war oder noch nicht lange in die Rentenkasse eingezahlt hat. Werden bei der Halbwaisenrente doch 10 Prozent, bei der Vollwaisenrente 20 Prozent der Rentenansprüche zugrunde gelegt, die der Verstorbene zum Zeitpunkt des Todes gehabt hätte. Dazu kommt ein Zuschlag, der durch eine spezielle Formel berechnet wird. Das heißt: Manchen der jungen Trauernden steht nur ein Betrag von etwa 30 bis 100 Euro im Monat zur Verfügung.

Was in der Öffentlichkeit außerdem kaum bekannt ist: Das Bafög sieht für die Waisenrente nur einen eingeschränkten Freibetrag vor. Studenten wird jeder Betrag über 130 EUR als Einkommen angerechnet. Für Schüler von Berufsfachschulen, deren Besuch keinen ersten Berufsabschluss voraussetzt, wird ein Bafög-Freibetrag von 180 EUR angesetzt.

Ein Nebenjob ist während der Ausbildung deshalb für die meisten unerlässlich. Von jungen Stipendien-Bewerbern wissen wir, dass viele einer oder verschiedenen Nebentätigkeiten nachgehen. Doch oft ist es für sie schwierig, einen Job zu finden, der sich zeitlich oder inhaltlich mit der Ausbildung vereinbaren lässt und gleichzeitig so bezahlt wird, dass man sich ein eigenes kleines Sicherheitsnetz schaffen kann. An ein spannendes Praktikum in einer anderen Stadt, ein Semester im Ausland, einen Studienortwechsel oder gar eine kostenpflichtige Ausbildung im Traumberuf ist dann kaum mehr zu denken. Vor allem, da neben all der Arbeit und Ausbildung noch Zeit bleiben soll, um für die trauernde Familie da zu sein. Für viele junge Menschen stellt sich vor diesem Hintergrund die Frage: Kann und darf ich meinen Plan unter diesen Bedingungen überhaupt realisieren? Oder muss ich mein Vorhaben abbrechen?

Die Fördermöglichkeiten des Stipendiums

Sebastian 3Das Sebastian Bildungsstipendium hilft bei dieser Entscheidung auf zwei möglichen Wegen. Mit einer einmaligen Förderung wird zum Beispiel der Schritt zum Auslandsaufenthalt etwas erleichtert, das Ausbildungsmaterial bezahlt oder der letzte Semesterbeitrag finanziert. Mit einer dauerhaften Förderung kann das Sebastian Bildungsstipendium hingegen die Mietkosten für ein WG-Zimmer übernehmen, die Lebenshaltung unterstützen oder die Ausbildungskosten abdecken. So gewinnen die Stipendiaten die Freiheit, sich ohne finanziellen Druck in Nebenjobs oder Ehrenämtern ausprobieren zu können. Und sie gewinnen Zeit, um mit den Menschen zusammen zu sein, die ihnen guttun und Halt für den weiteren Weg geben.

Weil ein Ausbildungsweg aber nicht nur finanzielle, sondern auch psychische und physische Ressourcen beansprucht, bietet das Stipendium daneben auch ideelle Unterstützung an. Studium, Schule, Arbeiten, Lernstress und Prüfungen können großen Druck erzeugen. Alles unter einen Hut zu bringen, kostet Energie und lässt nicht immer zu, dass es im Alltag Platz und Pausen für die eigene Trauer gibt. So berichten uns junge Trauernde, dass das Ausbildungsumfeld oft nicht genug Verständnis für die eigene Situation mitbringt oder dass vertrauensvolle Ansprechpartner fehlen. Für manche fühlt es sich auch wichtig an, sich in dem Umfeld nicht erklären zu müssen.

Die ideelle Förderung des Sebastian Bildungsstipendiums will deshalb Platz für den Verlust und die individuelle Lebenssituation schaffen. Zweimal im Jahr findet dafür ein Treffen aller Stipendiaten statt. Dabei lernen sie andere junge Trauernde kennen, die Mutter oder Vater verloren haben. Es gibt Zeit, um sich untereinander auszutauschen und ein Netzwerk zu knüpfen, das verstehen kann, wie sich die eigene Situation anfühlt. Daneben können alle Stipendiaten auf einen verlässlichen Ansprechpartner für ausbildungsbezogene Anliegen zugreifen. Im Austausch mit ehrenamtlichen Paten können sie die Ziele und Themen aus dem Ausbildungsalltag besprechen und sortieren. Jeder Pate bringt dafür Berufs- und Lebenserfahrung mit und bietet seinem Stipendiaten gerade in anstrengenden Phasen der Ausbildung ein offenes Ohr.

Auf einen Blick:

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Die ganze Lebenssituation muss nach dem Verlust eines Elternteils neu entworfen werden. Das kostet viel Kraft, bringt große finanzielle Herausforderungen mit sich und ist nicht immer alleine zu bewältigen. Das Sebastian Bildungsstipendium kann dabei helfen, dass der Blick auf den Weg in die eigene berufliche Zukunft wieder klarer wird.

• Insgesamt 29 Halb- und Vollwaisen aus dem ganzen Bundesgebiet können aktuell als Stipendiaten durch das Sebastian Bildungsstipendium finanziell unterstützt werden.

• 21 Stipendiaten erhalten eine ideelle Förderung und kommen zwei Mal jährlich nach München, um am Stipendienprogramm teilzunehmen.

• 15 ehrenamtliche Paten standen den Stipendiaten 2018 als Ansprechpartner zur Verfügung.

• In den bisherigen Bewerbungsphasen haben uns jeweils bis zu 100 Bewerbungen von Halb- und Vollwaisen aus ganz Deutschland erreicht.

• Bewerbungsphase pausiert: Für die langfristig Fortführung des Angebots, müssen derzeit weitere Mittel akquiriert werden. Für die kommenden Monate ist daher keine neue Bewerbungsphase geplant. Sobald wieder Bewerbungen eingereicht werden können, werden wir dies bekanntgeben.


Hilfreiches:

Was viele nicht wissen: In Deutschland gibt es etliche kleine oder ortsgebundene Stipendien, die junge Menschen finanziell unterstützen können. Eine Recherche ist über die Stipendien-Datenbank des Bundesministeriums für Bildung und Forschung möglich: https://www.stipendienlotse.de/datenbank.php

Die Deutsche Rentenversicherung hat für junge Menschen in Ausbildung Informationen zu Rentenbeiträgen zusammengestellt. Dabei werden auch Fragen zur Waisenrente behandelt: https://www.rentenblicker.de

Bei Fragen rund um die Berufswahl, die Ausbildung, ein Praktikum oder ein Studium können sich junge Trauernde zwischen 14-27 Jahren bei unserer Berufsberatungsstelle STARTSmart melden, um sich mit einem zuverlässigen Ansprechpartner auszutauschen: www.start-smart.org


Autorin: Susanne Harlander

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