„Es ist Zeit“

Nach vielen Jahren als Vorstand und Leiterin des Erwachsenenbereiches, kann Martina Willer-Schrader nicht nur auf die Anfangszeit und Entwicklungsschritte der Stiftung zurückblicken. Sondern auch auf unzählige Erfahrungen in der Begleitung junger Trauernder. Ein Gespräch über persönliche Veränderungen, Bedürfnisse in der Trauer – und darüber, wie sich der eigene Verlust nach zwei Jahrzehnten anfühlt.

 

MartinaLiebe Martina, 20 Jahre lang warst du im Vorstand der Stiftung und genauso lange hast du Erwachsene begleitet, deren Partner verstorben ist. Jetzt gibst du deinen Vorstandsposten und die Leitung des Erwachsenenbereichs ab, um eine Aus- und Fortbildungsakademie aufzubauen. Mit welchen Gefühlen gehst du diesen Schritt?

Mit einem guten Gefühl. Es ist für mich an der Zeit, diesen Schritt zu gehen und ich habe hervorragende Nachfolgerinnen. Die Stiftung steht sehr gut da – dazu habe auch ich in den letzten 21 Jahren meinen Beitrag geleistet – und die Weichen für weitere Entwicklungen sind gestellt. Jetzt ist für mich der Zeitpunkt gekommen, etwas Neues zu beginnen. Das ist einfach sehr spannend und ich freue mich darauf.


In den zurückliegenden zwei Jahrzehnten ist die Stiftung sehr stark gewachsen. Was waren für dich die einschneidendsten Veränderungen?

Da fallen mir viele Meilensteine ein: unter anderem die Gründung der Stiftungs gGmbH, die Entstehung der Online Beratungsstelle, die damals noch Nico&Nicola hieß. Dann die Teilnahme an „Start Social“, unser erstes Golfturnier und die Erweiterung des Erwachsenenteams vor 4 1/2 Jahren. Und natürlich der Umzug in die Ridlerstraße. Endlich hatte ich einen eigenen Schreibtisch und die Gruppen konnten im eigenen Haus stattfinden. Das hat sehr geholfen, damit die Teilnehmer das Angebot als Angebot der Stiftung wahrnehmen konnten.


Angefangen hat alles nach dem Tod deines Mannes. Wie ist die Idee entstanden, Hilfsangebote für junge Trauernde aufzubauen?

Da war Martina die treibende Kraft. Sie hat schnell verstanden, dass es mehr Betroffene gibt wie uns. Nach einem Artikel in der Süddeutschen Zeitung war unsere Trauergruppe gleich voll und es musste eine zweite aufgemacht werden. Danach kamen dann immer mehr Ideen dazu, wie der SABU-Club, unser monatliches Angebot für die Kleinsten. Damit hatten die Eltern endlich einmal ein paar freie Stunden. Heute werden die Angebote alle durch ehrenamtliche und hauptamtliche MitarbeiterInnen begleitet und sind dadurch zu einer einmaligen, sehr wertvollen Trauerbegleitung geworden. Viele der Dinge, die heute in der Stiftung passieren, waren als Idee schon vor vielen Jahren vorhanden. Irgendwann ist es dann tatsächlich möglich, die Ideen umzusetzen: Da haben wir in der Stiftung alle einen langen Atem.


Über viele Jahre habt ihr mit sehr begrenzten Mitteln und trotz großer Unsicherheit die Angebote für junge Trauernde aufrechterhalten. Was hat dir geholfen, nicht aufzugeben und weiterzukämpfen?

Wir hatten in den vielen Jahren immer wieder Unterstützung von unterschiedlichen Menschen. Von Betroffenen, aber auch anderen, die an unsere Arbeit geglaubt haben. Ohne deren Hilfe hätten wir es nicht geschafft.


Trotzdem brauchte es einen sehr langen Atem.

Mir war schnell klar, wie wertvoll unsere Arbeit für trauernde Familien ist. 1998 gab es für junge Menschen noch so gut wie kein Angebot. Die Art und Weise wie wir gearbeitet haben und wie wir immer noch arbeiten, trifft die Bedürfnisse junger Trauernder. Es braucht nicht immer gleich eine Therapie. In der Trauerbegleitung von Menschen nach dem Verlust des Partners, die ich ja lange geleitet habe, arbeiten wir sehr niedrigschwellig und professionell. Die Beraterinnen sind selbst betroffen und extra geschult, das ist enorm wertvoll und nutzbringend für die Trauernden. Für die Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen nach dem Tod eines oder beider Elternteile ist uns von Anfang wichtig gewesen, dass die Betreuer einen fachlichen Hintergrund haben. Dort haben wir eine besondere Fürsorgepflicht.


In deiner Zeit als Vorstand und Leitung des Erwachsenenbereichs haben sich die Stiftung und ihre Arbeit stark verändert. Hat sich auch die Art verändert, wie Betroffene trauern?

Eigentlich haben sich die Bedürfnisse der Trauernden kaum verändert. Sie brauchen Menschen, die zuhören, die sie verstehen, die keine Ratschläge geben und ihnen einfach zur Seite stehen. Hilfe wird vor allem am Anfang benötigt, im ersten und zweiten Trauerjahr. Danach ist es immer noch anstrengend, alles allein zu stemmen, aber es ist dann zu schaffen. Gerade in den ersten Monaten macht es einen Unterschied, wenn Hilfe vorhanden ist und Menschen da sind, die begleiten und immer wieder Mut machen. Wir selbstbetroffenen Trauerbegleiter sind da besonders geeignet, weil wir mit unserer eigenen Person zeigen: Es ist zu schaffen.


Begleitet die Stiftung Trauernde ähnlich wie zu euren Anfangszeiten?

Gemeinsame Werte

Die Art, wie wir unsere Trauernden begleiten, hat sich nicht sehr verändert. Die Trauergruppen laufen auf die gleiche Art und Weise ab, die Einzelbegleitung ebenfalls. Verändert hat sich die Ausbildung und Fortbildung unserer MitarbeiterInnen. Wir haben zu Beginn gleichzeitig selbst getrauert und andere begleitet. Das passiert nicht mehr. Alle Berater durchlaufen eine interne Fortbildung und werden durch Supervisions- und Intervisionsgruppen unterstützt. Sie begleiten erst dann, wenn sie ihren eigenen Trauerprozess weitgehend abgeschlossen haben. Hauptamtliche, erfahrene Mitarbeiterinnen stehen immer mit Rat zur Seite. Trotzdem nutzen wir die eigene Betroffenheit weiterhin als Ressource in der Begleitung von Trauernden. Das ist etwas ganz Wertvolles.


Viele Betroffene leiden nicht nur wegen des Verlusts, sondern auch an den Reaktionen des Umfelds, des Arbeitgebers oder der Öffentlichkeit. Hat sich in den letzten 20 Jahren verändert, wie die Gesellschaft auf Trauernde blickt?

In der Gesellschaft finden junge Trauernde kaum Aufmerksamkeit und damit kaum Unterstützung. Nach wie vor wird erwartet, dass Trauernde sehr schnell wieder funktionieren. Auch heute noch wird kaum jemandem ein ganzes Trauerjahr zugestanden. Verwitwete Mütter und Väter müssen aus wirtschaftlichen Gründen meist sehr schnell wieder arbeiten. Dabei wird immer noch unterschätzt, wie anstrengend es ist, zu trauern, Kinder zu versorgen, die Erbschaftsangelegenheiten zu regeln und den Lebensunterhalt zu verdienen – ohne die Unterstützung eines Partners. Witwen und Waisen sind wirtschaftlich vielfach schlechter gestellt als andere Alleinerziehende. Frühe Witwenschaft ist leider immer noch ein Tabuthema.


LebensfreudeMit deinem großen Erfahrungsschatz: Was würdest du sagen, hilft Trauernden am meisten?

Zuhören, ohne zu werten und Ratschläge zu geben. Dasein und Geduld haben. Helfen, zu verstehen, was in der Trauer alles „normal“ ist. Helfen bei der Suche nach Lösungen für auftretende Probleme. Stellvertretende Hoffnung. Zeigen: Es wird tatsächlich irgendwann wieder besser und es gibt dann ein lebenswertes Leben.

 

 


Mit deiner Arbeit hast du das Leben unzähliger Trauernder beeinflusst. Hat die Arbeit mit Trauernden auch dich verändert?

Durch die vielen Begleitungen habe ich viele Lebensgeschichten kennenlernen dürfen. Dadurch habe ich mich intensiv mit existentiellen Themen auseinandergesetzt. Vieles von dem, was anderen Menschen Angst macht, ist für mich Normalität: Krankheit, Tod, Endlichkeit, Lebensgestaltung im Hinblick darauf, dass wir alle sterben werden. Ich habe eine kleine Ahnung davon, was ist im Angesicht des Todes wirklich wichtig ist in einem Leben.


Welchen Platz hat deine eigene Trauer heute? Wie geht es dir nach dieser Zeit mit dem Tod deines Mannes?

Ich trauere natürlich nicht mehr, aber ich weiß, dass die Trauer um meinen Mann immer Teil meines Lebens sein wird. Sie ist im Unterbewusstsein gespeichert und kommt wieder an die Oberfläche, wenn zum Beispiel andere nahe Angehörige sterben oder ein Erlebnis mich daran erinnert. Ich habe keine Angst vor dem Tod, bin aber demütig angesichts der vielen schwierigen Lebensgeschichten, die ich gehört habe. Wer weiß, was das Leben noch an guten und schwierigen Situationen für mich bereithält. Deshalb ist Lebensfreude so wichtig.


Team

Hast du einen Rat, den du deinen Nachfolgerinnen – Lane Reb als Vorstand, Uschi Pechlaner als Leitung des Erwachsenenbereichs – mit auf den Weg geben kannst?

Ich möchte keinen Rat geben. Beide, Lana und Uschi, bringen genügend eigene Erfahrungen, Ideen und viel Motivation mit in die neuen Aufgaben ein. Jetzt ist es an ihnen, die Arbeitsbereiche zu gestalten.

 

 


Ich weiß, Martina, dass diese Frage für dich als wahnsinnig bescheidener Mensch besonders schwierig ist. Gerade deshalb möchte ich sie dir stellen: Worauf bist du stolz, wenn du auf deine Arbeit für die Stiftung zurückblickst?

Ich bin einfach froh, dass ich etwas dazu beitragen konnte, die Arbeit der Stiftung aufrechtzuerhalten. Auch als es finanziell noch extrem schwierig war. Seit einigen Jahren können wir viele unserer Ideen umsetzen. Wenn ich an die vielen Begleitungen denke, bin ich sehr berührt und froh, dass viele Menschen bei uns Hilfe gefunden haben. Es war einfach schön, in unserem Team all die vielen Aufgaben anzupacken und Ideen umzusetzen.


Was ist dir wichtig für deine künftige Arbeit: den Aufbau einer Akademie?

Mir ist wichtig, dass die vielen Erfahrungen, die wir in den vergangenen 20 Jahren gesammelt haben, zum Wohle von jungen Trauernden weitergegeben werden können. Vor allem wünsche ich mir, dass wir unser Wissen auch in Unternehmen einbringen können, etwa durch Fortbildungen und die Unterstützung von Personalabteilungen. Die Akademie wird dadurch auf die wichtigen Lebensthemen junger Trauernder aufmerksam machen.


Danke, liebe Martina.

Interview: Lisa Meyer

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