Trauer auf allen Kanälen

Ein Steinmetz begleitet einen intimen Prozess. Ein Zeichner berührt Tausende auf Twitter. Eine beeindruckende Frau sprengt Tabus. Ein Witwer entwickelt eine Superkraft. Das lesen, sehen, hören wir von Trauer.

Dokumentarfilm: Der Stein zum Leben

FilmplakatEin Zirkuswagen und ein Frachtcontainer sind seine Werkstatt. Hier empfängt der Berliner Steinmetz Michael Spengle Trauernde, um mit ihnen gemeinsam Grabsteine zu gestalten, die von den Toten erzählen. Im Dialog mit Michael finden sie Worte für ihre Gefühle, die dann in einer sichtbaren Form Gestalt annehmen. So schwingt eine Frau unter Michaels Anleitung beherzt den Hammer und spürt eine Kraft, die lange vergraben war. Eine Familie ringt um die Essenz aus dem langen Leben des Großvaters, dem Naturverbundenen, Lebemann, Patriarchen. Eltern suchen einen fragilen Kalkstein aus, der den Atem ihres verstorbenen Kindes widerspiegeln soll. Sensibel begleitet der Steinmetz die Menschen in ihrer Auseinandersetzung und Begegnung mit dem Material: Schritt für Schritt, Entscheidung für Entscheidung.

Der preisgekrönte Dokumentarfilm „Der Stein zum Leben“ von Kamerafrau und Filmemacherin Katinka Zeuner erzählt von einem mühevollen und intimen Prozess. Er zeigt, wie die Arbeit am Stein den Tod begreifbarer macht. Kinostart ist am 23. Mai. Trailer und Infos finden Interessierte unter dersteinzumleben-film.de.

Twitter: Kritzelei des Tages

GaryScribbler 2Ende Oktober 2017 ist im Leben von Gary Andrews nichts mehr wie es war. Seine Frau Joy stirbt im Alter von 41-Jahren plötzlich an einer Sepsis. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Zeichner schon begonnen, Episoden aus seinem Alltag in kleinen Comics auf Twitter zu veröffentlichen, als „Kritzelei des Tages“. Nach dem Tod seiner Frau werden die Skizzen zu mehr als einem unterhaltsamen, visuellen Tagebuch. Sie werden zu einem Weg der Verarbeitung. Täglich greift der Schotte auf, was ihn in der Trauer um seine Frau und dem Alltag mit zwei Kindern beschäftigt. Die kleinen Skizzen bewegen in kurzer Zeit eine größere Fangemeinde, die seine mal traurigen, mal lustigen Schritte in ein ungewolltes, neues Leben mitverfolgt. Kurze, nachdenkliche Zeilen begleiten Garys humorvolle Zeichnungen:

“I know it will end eventually but right now it’s just so daunting still.”

“Missing Joy like crazy yet hopeful and content with what lies ahead. I know she would be happy with the choices I have made so far and I hope to keep it that way.”

GaryScribbler 6“One of the things I miss most - her (very distinctive) laugh. 20 years ago today we became a couple and I would give anything to have her take the piss out of me one more time!”

“Lonely tears shed tonight, I don’t mind admitting. Grief is hard, it jumps out on you when you aren’t expecting it. I’m ok though. This is normal. And healthy.”

Seine Zeichnungen veröffentlicht Gary Andrews auf Twitter. In einem Interview mit „Griefcast“ erzählt er von seiner Frau, seinen Zeichnungen und seinem neuen Leben.

Bilder: GaryScribbler © Gary Andrews / twitter.com

Vortrag: We don't move on from grief. We move forward with it.

Medien Vortrag„Am 3. Oktober 2014 hatte ich eine Fehlgeburt. Am 8. Oktober 2014 starb mein Vater an Krebs. Am 25. November 2014 starb mein Mann Aaron nach drei Jahren an einem Glioblastom. Also: Ich mache anderen Menschen echt Spaß.“

"Wenn ich über diese Zeit spreche, kommt meistens eine Reaktion: ‚Ich kann mir nicht vorstellen, wie das ist‘. Aber ich denke: Sie können. Und ich denke, Sie sollten, weil es Ihnen eines Tages selbst passieren wird. Vielleicht nicht diese spezifischen Verluste in dieser bestimmten Reihenfolge oder in dieser Geschwindigkeit. Aber – die Erkenntnisse der Wissenschaft werden Sie in diesem Punkt umhauen – jeder, den Sie lieben, hat eine 100-prozentige Chance zu sterben.“

„Mein Leben ist heute wirklich toll, aber ich bin nicht ‚weitergegangen‘. Ich habe nicht abgeschlossen und ich hasse diese Ausdrücke sehr. Denn sie bedeuten, dass Aarons Leben und Tod und Liebe nur Momente sind, die ich hinter mir lassen kann – und die ich hinter mir lassen sollte. Wenn ich über Aaron spreche, spreche ich oft in der Gegenwart, und ich habe immer gedacht, das wäre komisch. Aber dann habe ich gemerkt, dass es unter Trauernden ganz normal ist. Nicht, weil wir den Verlust nicht angenommen haben oder weil wir vergesslich sind, sondern weil die Menschen, die wir lieben und die wir verloren haben, für uns immer noch präsent sind. Wenn ich also sage, ‚Aaron ist...‘, dann sage ich das, weil Aaron immer noch ist.“

In einem berührenden und zugleich witzigen Vortrag berichtet die Schriftstellerin und Podcasterin Nora McInerny von ihren Verlusten und ihren Erfahrungen in der Zeit danach. Ihre geradlinige, direkte Haltung sprengt Tabus und ermutigt, den eigenen Empfindungen zu trauen. Der Vortrag ist in englischer Sprache und auf ted.com zu finden. Mehr von Nora gibt es auf ihrem Podcast „Terrible. Thank’s for asking.“

Bild: Medien_Vortrag, © Kylee and Christian Creative

Serie: After Life

„Ich kann tun und sagen, was ich will. Und wenn mir alles zu viel wird, kann ich mich immer noch umbringen. Das ist wie eine Superkraft“, sagt Tony (gespielt von Schauspieler und Comedian Ricky Gervais) in der Netflix-Serie „After Life“. Nachdem die Liebe seines Lebens gestorben ist, denkt der Witwer zunächst über Suizid nach. Aber wer füttert dann den Hund? Tony verwirft die Idee und trifft eine andere Entscheidung: Künftig will er auf nichts und niemanden mehr Rücksicht nehmen. Weil es nichts mehr zu fürchten gibt, hat Tony keine Angst vor Konsequenzen – und wird zum Quälgeist seiner Umgebung. So sind auch seine Freunde von der neuen „Superkraft“ nicht begeistert und versuchen, ihn gegen seinen Willen wieder auf die Beine zu stellen. „Es ist nicht gerade naheliegend, die Geschichte eines suizidgefährdeten, zynischen Witwers zur Grundlage einer lustigen Fernsehserie zu machen“, schreibt der Spiegel über die bisherigen Folgen. Doch: „Bei aller überzeugenden Tristesse ist es sehr lustig, den verzweifelten, enthemmten Tony auf dem Weg durch seinen entleerten Alltag zu beobachten.“

Serie After Life

Der Trailer gibt einen ersten Vorgeschmack. Die sechs Episoden der ersten Staffel von „After Life“ können seit März 2019 auch auf Deutsch bei Netflix abgerufen werden.

Bild: Serie_After Life © Netflix Media

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