Fragerunde: Ich habe große Angst, dass die Erinnerungen verblassen. Wie geht es euch heute damit?

Manche Fragen stellt sich fast jeder Trauernde irgendwann nach dem Verlust. Weil die Antworten darauf so verschieden sind wie die Menschen, die die Fragen stellen, gibt es keine „Experteneinschätzung“ dazu. Stattdessen kommen diejenigen zu Wort, die es am besten wissen: Betroffene mit etwas mehr Abstand.

Fragerunde Aufschreiben„Alle Erinnerungen verblassen irgendwann. Das ist gut so. Diejenigen die ich behalten möchte, schreibe ich mir entweder auf oder erhalte sie am Leben, indem ich mir Fotos anschaue oder mit den Kindern darüber spreche / ihnen davon erzähle.“

„Ich habe im ersten Monate wie wild ein Notizbuch vollgekritzelt: Schlagwörter, Sprüche, Anekdoten… Immer, wenn mich irgendetwas erinnert hat – und das war dauernd der Fall – und ich das Buch nicht zur Hand hatte, habe ich die Gedanken in mein Handy getippt. Ich hatte wahnsinnige Angst davor, dass mir mein Freund entgleitet. Später war es tatsächlich immer wieder schmerzhaft, zu merken, dass die Erinnerungen unkonkreter werden: Wie hat sich sein Lachen angehört? Wie hat sich seine Haut angefühlt? Aber auch gemeinsame Momente kann ich nach sechs Jahren nicht mehr so gut rekonstruieren. Mir hilft das Gefühl für sein Wesen, das mich immer begleiten wird. Ich werde immer wissen, wie er war, was ihn ausgemacht hat, wie sich unsere Liebe anfühlt. Das alles ist nicht weg und wird nie weg sein.“

 „Ich habe das Gefühl, dass die Erinnerungen gar nicht verblassen können. Zumindest die wichtigen nicht. Immer wenn der Schmerz mal wieder mit voller Wucht zurückkommt, sind auch die Bilder und Eindrücke wieder da. Das tut zwar weh, ist aber auch beruhigend. Ich weiß, dass das Wissen tief in mit sitzt und nicht verschwindet. Im Alltag ist es gut verstaut, aber wenn ich die damit verbundene Trauer zulasse, sind auch die Erinnerungen wieder da.“

Fragerunde Bilder„Gerade am Anfang hatte ich Angst zu vergessen (wie viele andere auch). Sobald der große Schmerz weg war, konnte ich mich viel besser erinnern. Im Nachhinein habe ich das Gefühl, dass mein Köper oder Geist mich beschützt hat. Ich kann mich bis heute an Vieles erinnern, das finde ich auch wunderschön.“

„Für mich sind die Erinnerungen wie eine Schublade. Ich kann sie auf und zu machen. Beim aufmachen hilft mir, mit anderen über sie zu sprechen, Bilder anzuschauen oder Musik zu hören, die uns verbindet. Die Konfrontation tut weh, deshalb scheue ich sie meistens und lasse die Schublade zu. Aber es ist gut, zu wissen, dass sie ein fester Teil meiner Lebenskommode ist und nicht einfach mit der Zeit leer geräumt wird.“

 

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