Trauerseminar für 18-27-Jährige: Ein neues Angebot zum gezielten Austausch

Trauer - was ist das eigentlich genau? Was macht sie mit einem, wie kann sie sich verändern, was kann einem helfen - und ist das, was man gerade fühlt und erlebt, eigentlich normal? Diese und viele andere Gedanken und Fragen sind uns in den letzten Jahren unserer Arbeit immer wieder begegnet.

Trauerseminar TurmWenn Vater oder Mutter sterben, gerät das Leben, wie man es bisher kannte, aus den Fugen. Oft hören wir dazu den Ausdruck „für mich ist (m)eine Welt zusammengebrochen“. Der Wunsch, einordnen zu können, was man an sich selbst und vielleicht auch am Umfeld beobachten kann und von anderen zu hören, wie es bei ihnen war, was ihnen geholfen hat oder wie sie versuchen, mit der neuen Situation umzugehen, ist bei vielen jungen Erwachsenen, die sich an uns wenden, groß. Oft gibt es keine Möglichkeit, sich im eigenen Umfeld über belastende und berührende Themen wie Tod und Trauer auszutauschen oder zu überlegen, wie man mit dieser zusammengebrochenen Welt weiterleben soll.

Erstmals startete im September deshalb ein neues Angebot für junge Erwachsene, die um einen Elternteil trauern und sich nicht nur mit anderen austauschen wollen, sondern auch den Wunsch haben, sich mit Themen, die mit der Trauer in Berührung stehen können, gezielt in der Gruppe auseinanderzusetzen. Unser Trauerseminar für 18-27- Jährige besteht aus insgesamt 12 Terminen. Nach einem Vortreffen, das dem gegenseitigen Kennenlernen dient, in dem Wünsche und Sorgen in Bezug auf das Seminar einen Rahmen finden und in dem die Themen des Seminars vorgestellt und angepasst wurden, begannen im Oktober die 10 wöchentlich stattfindenden Themenabende. Im Januar wird zeitliche versetzt dann noch ein abschließendes Nachtreffen stattfinden.
Die Themenabende des Seminars haben zum Ziel, den Teilnehmern Informationen oder einen Weg, sich mit bestimmten Themen auseinander zu setzen, anzubieten und im zweiten Teil des Abends einen Austausch über die eigenen und die Erfahrungen der anderen damit zu ermöglichen. So enthalten die einzelnen Termine Input von Seiten der beiden Seminarleitungen, Optionen, für sich selbst etwas zum entsprechenden Thema zu erarbeiten und den Austausch mit anderen Trauernden. Mit diesen Bausteinen hoffen wir, den jungen Erwachsenen eine erste Orientierung und ein angeleitetes Auseinandersetzen mit ihrer aktuellen Situation anbieten zu können und sie gleichzeitig mit den Menschen zu vernetzen, die die eigentlichen Experten für das Thema Trauer sind – nämlich die anderen jungen Erwachsenen, die ebenfalls einen oder mehrere Verluste erlebt haben. Beispielhaft möchten wir hier einen Einblick in 3 der bisher stattgefundenen Termine geben.

Was ist Trauer?

Trauerseminar Was ist TrauerUnter dieser Überschrift stand der erste Themenabend des Seminars. Wenn wir von Trauer sprechen, haben wir häufig ein bestimmtes Gefühl im Sinn, überlegen uns vielleicht sogar, wie sich jemand verhält oder wie jemand aussieht, der gerade traurig ist. Wie viele unterschiedliche Empfindungen und Aspekte in diesem einen Begriff „Trauer“ stecken können, haben die Teilnehmer des Seminars bei dem Versuch, eine ganz individuelle Definition dafür zu finden, zeigen können. So wurde zunächst in der Gruppe gesammelt, was alles unter den Überbegriff fallen kann und anschließend überlegt, welche der gefundenen Schlagwörter für die einzelnen Teilnehmer aktuell am besten ausdrücken, wie sie sich fühlen. Die ganz eigenen Definitionen konnten dann mit dem verglichen werden, was die Trauerforschung über die Jahre an Theorien und Modellen erarbeitet hat. So wurde beispielhaft ein Phasenmodell (Verena Kast), ein Aufgabenmodell (William Worden) und das duale Prozessmodell (Margaret Stroebe und Henk Schut) vorgestellt. Dabei ist ganz deutlich geworden, dass in jedem Modell etwas wiedererkannt werden konnte, was die Teilnehmer von sich selbst kennen, dass es aber aufgrund der ganz individuellen Trauerreaktionen kein Modell vermag, die ganze Bandbreite des Begriffs vollumfänglich abzudecken.

Facetten der Trauer

NachdTrauerseminar Trauerradem im ersten Termin gesammelt und definiert wurde, was Trauer eigentlich ist, konnte im Termin „Facetten der Trauer“ genauer überlegt werden, in welchen Lebensbereichen die Trauer für die Teilnehmer besonders spürbar ist. Dabei wurde erarbeitet, dass sich Trauerreaktionen zum Beispiel auf psychischer, physischer, sozialer und spiritueller Ebene zeigen können. In ihren eigenen „Trauerrädern“ hielten die Teilnehmer fest, wie sich ihre Trauer im Moment zeigt und stießen dabei auch auf Reaktionen, die sich vielleicht im Laufe der Zeit schon verändert haben, also möglicherweise schon einmal stärker oder anders waren, als sie es aktuell sind. Die Trauerräder können deshalb auch als Instrument dafür verwendet werden, wie sich die Trauer verändern kann, wenn man sie an verschiedenen Zeitpunkten ausfüllt und vergleicht. Im intensiven Austausch der Teilnehmer wurde greifbar, wie hilfreich es sein kann, zu erfahren, dass es auch anderen so geht wie einem selbst und dass Trauer eben nicht nur aus Weinen, Vermissen und Schmerz besteht, sondern sich noch auf zahlreichen anderen Ebenen individuell zeigen kann.

Was tut uns gut?

Trauerseminar RessourcenbaumIm Rahmen des Seminars ist es uns wichtig, den jungen Erwachsenen nicht nur ein tieferes Verständnis dafür zu ermöglichen, was sie gerade erleben, sondern sie auch für ihren Trauerweg zu stärken und mit ihnen Dinge zu erarbeiten, die ihnen guttun, Kraft geben und ein Weitermachen unterstützen können. Sich Pausen von der Trauer zu nehmen, sich trotz des Verlusts über etwas zu freuen und auch irgendwann wieder ein bisschen glücklich zu sein, spielt dabei ebenfalls eine Rolle. Versinnbildlicht wurden diese Aspekte durch das Bild eines Baumes. Bäume haben Wurzeln, also etwas, was ihnen Halt gibt, sie wachsen lässt und verhindert, dass der ganze Baum beim nächsten Sturm umfällt. Um sich vor Einflüssen von außen zu schützen, hat ein Baum eine Rinde. Für die Äste einigte sich die Seminarrunde auf Dinge, die man gut kann, die einem Spaß machen und einem guttun. Blüten und Früchte könnten für Wünsche und Ziele stehen, ein eingeritztes Herz für Erlebnisse, die einen geprägt haben und die man nicht vergisst. Und natürlich gibt es noch äußere hilfreiche Einflüsse wie die Wärme der Sonne oder die Hilfe von Bienen. Nach einer ersten Ideensammlung in der Runde gestalteten die Teilnehmer ihre ganz persönlichen „Ressourcenbäume“ und wendeten diese in der folgenden Stunde gemeinsam mit den anderen Teilnehmern auf ihre derzeitigen Anliegen an.

Ausblick

In den noch folgenden Terminen erwarten die Teilnehmer noch Themen wie „Erinnerungen“, „Achtsamkeit in der Trauer“, „Umgang mit besonderen Tagen“ und „wie geht es weiter?“.

Autorin: Stefanie Schulz

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