Wenn der Partner in der Schwangerschaft stirbt

. . . stehen Frauen vor ganz besonderen Herausforderungen. Mit einem neuen Angebot will die Stiftung Betroffene unterstützen und eine Möglichkeit schaffen, Frauen in der gleichen Situation kennenzulernen. Warum das Umfeld oft hilflos ist, welche Ängste die Geburt begleiten und wie Trauernde die „rosa-blaue Babywelt“ erleben, das erklärt Uschi Pechlaner im Interview, die das Angebot betreut.

Uschi, du begleitest häufiger Frauen, deren Partner in der Schwangerschaft verstorben sind. Wie kommen die Betroffenen bei dir an?

Meist melden sich die Frauen wenige Wochen nach dem Tod ihres Partners bei der Stiftung. Junge Trauernde haben ja ohnehin das Gefühl, dass sie mit ihrer Situation völlig alleine sind und niemand sonst in ihrem Alter einen so schweren Schicksalsschlag erleben muss. Schwangere spüren nochmal deutlicher, dass ihr Verlust „nicht vorgesehen“ ist. Ein Beispiel: In unserem Online-Formular zur Kontaktaufnahme fragen wir nach dem Alter eventueller Kinder. Was gebe ich in der Schwangerschaft dort an? Den Geburtstermin? Schwanger in der so und so vielten Woche? Die Frauen sind häufig damit konfrontiert, dass sie ein Ausnahmefall sind.

Dabei sind gar nicht so wenige Frauen betroffen.

Dass der Partner in der Schwangerschaft verstirbt, kommt häufiger vor, als man annehmen würde. Wir haben im Frühjahr ein Vernetzungstreffen veranstaltet, an dem zehn betroffene Frauen teilgenommen haben. Und dabei hat die Einladung nur diejenigen erreicht, die in den letzten vier Jahren bei uns angekommen sind und aus deren Angaben wir nachträglich schließen konnten, dass der Verlust in die Schwangerschaft gefallen ist. Und auch diese zehn Frauen haben eher zufällig zu uns gefunden. Wir gehen davon aus, dass es viel, viel mehr Betroffene gibt, die bei den unterschiedlichsten Anlaufstellen landen oder ganz ohne Hilfe bleiben. Denn bislang gab es keine speziellen Angebote für diese Gruppe.

Schwangerschaft Trauer 3Was würdest du aus deiner Erfahrung sagen: Mit welchen Anliegen suchen die Frauen denn Unterstützung?

Dass hängt davon ab, wie weit die Schwangerschaft fortgeschritten ist. Zu Beginn nimmt die eigene Trauer den größten Platz ein, das Kind spielt eine eher untergeordnete Rolle. Die Schwangerschaft ist in den ersten Wochen und Monaten ja oft noch nicht sehr präsent und bleibt eher abstrakt. Manche Betroffene sagen in dieser Zeit deutlich, dass sie sich überhaupt nicht schwanger fühlen. Je näher die Geburt rückt, desto mehr Raum nimmt das Kind nicht nur körperlich, sondern auch in der Trauerbegleitung ein. Manche Frauen haben Angst, keine gute Beziehung zu dem Ungeborenen aufbauen zu können oder kämpfen mit den Sichtweisen ihrer Umgebung.

Inwiefern?

Das Umfeld sieht Schwangere weniger als Trauernde, sondern vor allem als Mütter. Der Fokus der Familien und Freunde liegt meist auf dem Kind und ist sehr zukunftsorientiert. „Du musst jetzt nach vorne schauen“, „Das Leben geht weiter“, „Wenigstens lebt etwas von ihm weiter“ oder „Du musst jetzt an dein Baby denken“ sind Sprüche, die die Frauen oft hören. Sie treten als trauernde Person in den Hintergrund und fühlen sich wie abgeschnitten von der Vergangenheit. Ihr Schmerz und ihr Verlust bekommen oft zu wenig Raum.

 

Sind diese Reaktionen des Umfeldes ein Zeichen von Hilfslosigkeit?

Ich denke schon. Solche Erfahrungen machen junge Trauernde ja generell. In der Schwangerschaft kommt erschwerend hinzu, dass das gesellschaftliche Bild dieser Zeit wahnsinnig positiv und emotional gefärbt ist. Egal ob Broschüren in den Arztpraxen, Homepages der Hebammen oder Werbeanzeigen für Kinderwägen: Immer lächeln den Frauen heile Vater-Mutter-Kind-Familien entgegen. Die Schwangerschaft muss eine tolle Zeit sein, in der sich das Paar gemeinsam auf das große Glück vorbereitet.

Eine Sichtweise, die in keinem stärkeren Kontrast zur Realität der Betroffenen stehen könnte.

Ja, das Bild der werdenden Familie ist der brutale Gegensatz zur Erfahrung der endenden Familie. Eine Erfahrung, die die Frauen in ihrer äußeren Realität machen müssen. Innerlich bleibt die Verbundenheit zum Partner und Vater bestehen. Sowohl bei den Frauen, als auch bei ihren Kindern.

Wo ist die (äußere) Lücke für die Frauen in Bezug auf ihre Schwangerschaft am deutlichsten spürbar? Was sind die besonderen Herausforderungen in dieser Situation?

Das fängt schon bei den ganzen Terminen und Aufgaben an, die in dieser Zeit anstehen: Frauenarztbesuche, Geburtsvorbereitungskurs, Einkäufe und natürlich die Geburt an sich. Männer nehmen in dem Prozess eine immer größere Rolle ein und entsprechend einsam sind die Frauen auf diesem Weg. Sie müssen jede Entscheidung alleine treffen. Welche Vorsorgeuntersuchung nehme ich wahr? Ist dieser Schmerz ein Grund, in die Klinik zu fahren? Möchte ich zur Entbindung in ein Kranken- oder ein Geburtshaus? Gerade beim ersten Kind können sich Frauen auf keine Erfahrungswerte stützen. Die Veränderungen sind ungewohnt, neu, oftmals irritierend. Ohne den Partner an der Seite, ist man mit dieser Verunsicherung sehr alleine.

Schwangerschaft Trauer 4Und auch mit allen widersprüchlichen Gefühlen.

Ja. Gerade Schwangere müssen eine große Ambivalenz aushalten: Schöne und schmerzhafte Gefühle gehen oft Hand in Hand. Ich kann den Verlust meines Partners zutiefst betrauern und mich gleichzeitig auf das gemeinsame Kind freuen. Während andere Trauernde oft das Bedürfnis haben, dass nach dem Tod des Partners erstmal nichts Gutes mehr bleiben und sich kein Moment positiv anfühlen darf, müssen schwangere Frauen sofort gegensätzliche Pole austarieren: Vergangenheit und Zukunft, Schmerz und Freude, Einsamkeit und Zweisamkeit.

Wie geht es ihnen nach der Geburt?

Viele Frauen haben Angst, dass der Moment nach der Geburt eine nicht aushaltbare Trauer auslöst. Oft ist die Situation dann nicht so schlimm wie erwartet, aber es braucht die Auseinandersetzung im Vorfeld und enge Bezugspersonen, die in dem Moment da sind. Eine andere Sorge ist die, dem Kind keine Brücke zu seinem Vater bauen zu können. Es hat ja selbst keine eigenen, bewussten Erfahrungen, auf die es sich beziehen könnte. Das macht die Erinnerungen der Mutter umso kostbarer und die Angst, diese Erinnerungen zu verlieren, umso größer. Die Frauen stehen im restlichen Leben vor der Herausforderung, eine innere Beziehung von Kind und Vater gestalten zu müssen. Das fängt schon bei ganz grundlegenden Fragen an: Wie sage ich es meinem Kind? Wann ist der richtige Zeitpunkt, um darüber zu sprechen? Wie halte ich einen Menschen lebendig, den mein Kind nie kennengelernt hat?

Schwangerschaft Trauer 1Hinzu kommen finanzielle und bürokratische Probleme …

Ja, wie bei den meisten Verwitweten mit kleinen Kindern. Bei Schwangeren beginnen die Hürden allerdings schon bei der Vaterschaftsanerkennung. Sie müssen durch diesen Prozess in einer ohnehin aufreibenden und anstrengenden Zeit. Denn vieles Weitere ist an die Vaterschaft genknüpft: das Erbe zum Beispiel oder die Waisenrente.

Wie kann das neue Angebot der Stiftung – ein vierteljährliches Vernetzungstreffen – in dieser Situation helfen?

Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die „normale“ Trauerbegleitung oft nach der Geburt abgebrochen wird. Das neue Leben stellt erstmal viele Anforderungen, da bleibt wenig Raum für die Auseinandersetzung mit dem Verlust. Diesen Raum möchten wir gerne bieten: in einem niedrigschwelligen Rahmen, mit Kinderbetreuung und Zeitabständen, die sich organisatorisch gut einrichten lassen. Die Betroffenen machen dabei die Erfahrung, dass sie nicht alleine sind. Das ist unglaublich wichtig – egal ob unmittelbar in der Schwangerschaft oder mit größerem Abstand.

Wie waren die Erfahrungen beim ersten Treffen, das ja als eine Art „Testpilot“ gestartet ist?

Die Rückmeldungen waren sehr positiv. Alle Frauen waren überrascht, wie groß die Runde ist und wie viele andere die gleiche Erfahrung machen mussten. Schnell ist das Gefühl einer Solidargemeinschaft entstanden. Das ist gerade nach der Geburt sehr wichtig, denn viele Frauen empfinden sich als isoliert, so alleine zuhause mit ihrem Baby. Sie fühlen sich Rückbildungs-, Krabbel- oder Alleinerziehenden-Gruppen nicht zugehörig. Und auch wenn sie sonst auf andere Eltern treffen – bei Nachsorgeuntersuchungen, auf Spielplätzen, in der Krippe – erleben sie eine große Distanz. Schließlich hat man dabei meist mit Paaren zu tun. Mit Paaren in einer vermeintlich heilen, rosa-blauen Babywelt, in die du mit deiner Geschichte das Dunkle bringst.

Schwangerschaft Trauer 2Hat sich das Format – ein dreistündiges Treffen am Wochenende – aus deiner Sicht bewährt?

Ja, absolut. Wir waren uns im Vorfeld nicht sicher, ob die Zeit reichen wird, um eine vertrauensvolle Atmosphäre herzustellen. Aber diese Sorge war unbegründet. Es war sofort eine große Offenheit und ein tiefgehendes Verständnis spürbar. Die Betroffenen haben sich gegenseitig den Platz für ihre Erlebnisse und Gedanken gegeben und sich dazu ausgetauscht. Auch das Konzept der Kinderbetreuung ist gut aufgegangen. Die ganz Kleinen lagen entspannt in der Mitte des Stuhlkreises, die älteren Kinder haben im Nebenraum mit den beiden Betreuerinnen gespielt und konnten jederzeit ihre Mütter besuchen. Das ganze Treffen war ein sehr entspanntes, lockeres Miteinander. Und auch ein Nebeneinander: von Trauer und Freude, Leben und Tod. Ich denke, die Stimmung hat gut abgebildet, wie Betroffene diese Zeit erleben.

Mit diesen positiven Erfahrungen im Rücken: Wie wird es weitergehen?

Wir führen die Treffen in dreimonatigen Abständen fort und bieten einen geschützten Rahmen für den offenen Austausch. Zwischen den Terminen können sich die Frauen natürlich auch privat vernetzen oder eines unserer regulären Begleitungsangebote in Anspruch nehmen: Trauergruppen, Veranstaltungen oder Einzelbegleitungen. In Abstimmung mit den Betroffenen werden wir immer wieder schauen, was die konkreten Bedürfnisse sind, und unser Format entsprechend anpassen. Wir nehmen gerne neue Impulse auf.

Neue Teilnehmerinnen sind nach einer Anmeldung und einem Vorgespräch bei allen Folgetreffen willkommen. Wie können andere Betroffene davon erfahren?

Uns ist es ein zentrales Anliegen, weiterhin einen geschützten Rahmen sicherzustellen und das Angebot zugleich bekannter zu machen. Deshalb werden wir an Hebammen, Frauenärzte, Beratungsstellen und kirchliche Träger herantreten und uns mit Professionen vernetzen, die mit trauernden Schwangeren zu tun haben. Wir wollen, dass Frauen in dieser Situation eine unbürokratische, kompetente Anlaufstelle haben. Sie sollen sich nicht verloren fühlen in einer Zeit, in der sie sich ohnehin als ohnmächtig, haltlos und ausgeliefert erleben.

Uschi PechlanerUschi Pechlaner ist Sozialpädagogin und systemische Beraterin. Sie leitet den Bereich für Trauernde nach Tod des Lebenspartners in der Nicolaidis YoungWings Stiftung und begleitet die Treffen für Frauen, deren Partner in der Schwangerschaft verstorben ist. Die künftigen Termine werden über die Homepage der Stiftung nicolaidis-youngwings.de bekannt gegeben.

 

INTERVIEW: Lisa Meyer

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